Ausstellung

Mit Tübke am Strand

Mit seiner diesjährigen Sommerausstellung richtet das Kunstmuseum Ahrenshoop erstmals den Fokus auf die Präsenz der legendären „Leipziger Schule“ in Ahrenshoop und an den Ostseestränden von Fischland/Darß bis Rügen. In der von Katrin Arrieta und Paul Kaiser kuratierten Schau werden 65 Werke von 18 Künstlerinnen und Künstlern der Leipziger Szene aus bedeutenden öffentlichen Sammlungen und aus Privatbesitz gezeigt. Im Mittelpunkt steht der Strandzyklus Werner Tübkes. Mit weiteren Arbeiten von: Dietrich Burger, Christine Ebersbach, Wolfram Ebersbach, Günter Firit, Lutz Friedel, Ulrich Hachulla, Sighard Gille, Erich Kissing, Walter Libuda, Wolfgang Mattheuer, Gudrun Petersdorff, Uwe Pfeifer, Wolfgang Peuker, Arno Rink, Dietrich Wenzel, Doris Ziegler und Thomas Ziegler. Es erscheint ein Katalog mit Beiträgen von Katrin Arrieta, Annika Michalski und Paul Kaiser. Begleitend zur Ausstellung finden Kuratorenführungen und Fachvorträge statt.
Leipziger Maler in Ahrenshoop.

Leipziger Maler in Ahrenshoop
Kunstmuseum Ahrenshoop
12. Juli 2015 bis 25. Oktober 2015

Werner Tübke und die Ostsee – das ist ein bislang unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kunstgeschichte. Der berühmte Leipziger Maler und Zeichner, Mitbegründer der „Leipziger Schule“, entdeckte die Ostsee bereits in seinen Studienjahren in Greifswald (1950-1952) als Rückzugsraum vor den harten Anfeindungen, die ihm in jener Zeit in seiner Heimatstadt Leipzig entgegenschlugen. In den 1960er Jahren, nach seiner Rückkehr an die dortige Hochschule für Grafik und Buchkunst, kehrte er, zumeist in der Vorsaison, jeweils für 4-5 Wochen mit seinen StudentInnen nach Zingst, Prerow und Ahrenshoop zurück.

Der „Dozent für künstlerisches Grundlagenstudium“ unterrichtete zwischen 1966 und 1968 an der Ostsee an einer selbstbestimmt-temporären „Akademie am Meer“ – wie das bereits Anfang der 1960er Jahre Hallenser Maler vor ihm getan hatten. Unter den StudentInnen dieser Jahre, die sich mit Tübke am Strand auf einen Weg zur soliden zeichnerischen Ausbildung und zur künstlerischen Selbsterprobung machten, finden sich etliche Leipziger Künstler, die bald selbst eigenständige Positionen in der ostdeutschen Kunstgeschichte einnehmen sollten und die Tradition der Arbeitsaufenthalte später an der Ostsee fortsetzten. Die Liste der Namen reicht von Ulrich Hachulla über Erich Kissing bis zu Wolfgang Peuker.

Die Ostsee fungierte für Werner Tübke jedoch nicht nur als ein soziales Refugium und als ein Ort politikferner Kunstlehre. Zwischen den 1950er und 1970er Jahren wird der Strand als Naturbühne wie als Gesellschaftstableau in seinem Werk zu einem bildnerischen Motiv allererster Güte. Die Zuwendung zur facettenreichen Motivik des Ostseestrandes öffnete künstlerische Möglichkeitsräume, die dem späteren Großmeister der „Leipziger Schule“ neben seinen auf historische Konstellationen zielenden Großprojekten jener Jahrzehnte ein Werk entwickeln lassen, in dem auch die eigenen Ängste, Visionen und alltäglichen Seiten seiner Künstlerexistenz im Staatssozialismus in kaum verschlüsselter Motivsprache sichtbar werden. Die herausragende Bedeutung dieses Themas findet ihren Ausdruck in einem umfangreichen zeichnerischen Werk und einem in jenem Zeitraum entstehenden bzw. vorbereiteten Gemäldezyklus. Dieser wird erstmals nahezu komplett aus Museums- und Privatbesitz in der Ahrenshooper Ausstellung gezeigt, darunter die Gemälde „Am Strand“, 1967 (Museum der bildenden Künste Leipzig, Dauerleihgabe der Bundesrepublik Deutschland), „Am Strand“, 1968 (Angermuseum Erfurt) und „Großer Strand“, 1968-1969 (museum moderner kunst stiftung ludwig wien, Leihgabe der österreichischen Ludwig Stiftung).

Werner Tübkes Hinwendung zur Ostsee ist ein exemplarischer Beleg für ein durchaus übergreifendes Phänomen: Die ostdeutsche Kunst durchzieht, untergründig bis obsessiv, die Liebe zum Meer – insbesondere zur Ostsee. Das gilt für die Autarkie Hiddensees und die romantische Kult-Signatur der Insel Rügen, aber in besonderer Weise für Ahrenshoop. Diese Orte und Landschaften fungierten in einer hermetisch geschlossenen Gesellschaft als Rückzugsräume, Entfaltungszonen und temporäre Ateliers.

Jener in der Ausstellung erstmals rekonstruierte Bezug zum Künstlerort Ahrenshoop kann ebenso für andere prominente Akteure der „Leipziger Schule“ nachgewiesen werden – etwa bei Wolfgang Mattheuer, Ulrich Hachulla oder Sighard Gille. Zudem bezog er auch die Vertreter einer nonkonformen Leipziger Künstlergeneration in den 1970er und 1980er Jahren ein: Künstler wie Lutz Friedel, Günter Firit und Frieder Heinze machten den Ostseeraum, teils zusammen mit der Künstlergruppe „Clara Mosch“, zur Kulisse für avantgardistische „Pleinairs“, hedonistische Künstlerfeste und gattungsübergreifende Kunst-Aktionen. In der Ausstellung wird dieser Aspekt etwa von dem Gemälde „Die Woge II – Die Freiheit führt das Volk auf die Barrikade (nach Delacroix)“, 1982 (Besitz des Künsters), verdeutlicht. Jene forcierte Hinwendung zum Strandsujet kann insofern als ein Phänomen vorgestellt werden, das alle Generationen und Milieus der ostdeutschen Kunstgeschichte seit 1945 betrifft und in der Ahrenshooper Ausstellung exemplarisch an der Leipziger Kunstentwicklung rekonstruiert wird.

In der DDR wurden die zumeist figurativen Strandbilder der „Leipziger Schule“ zu exponierten Tableaus gesellschaftlicher Auseinandersetzung, was diese Bilder im Verständnis eines großen Publikums zu identitätsprägenden Kunstwerken machte. In den 1980er Jahren wurden die narrativen Sinnbilder der Leipziger Künstler zunehmend geprägt von der empfundenen existentiellen Krise des künstlerischen Selbst-Entwurfes in einer krisenhaften Gesellschaft, die sich etwa in Strandporträts von Künstlern ausdrückten, welche die DDR verließen. Jedenfalls führte dies dazu, dass die Strandbilder zu einem Spezifikum des Leipziger Kunstschaffens wurden, welches oft erkannt, aber noch nie zum Thema einer Ausstellung gemacht werden konnte. Hingegen ist die Präsenz der Hallenser Nachkriegsmalerei, der „Berliner Schule“ wie auch von Vertretern der Dresdner Kunstszenen weitgehend bekannt und bereits in mehreren Ausstellungsprojekten gezeigt worden. Deutlich wird, dass der ostdeutschen Malerei, insbesondere aber den Akteuren der „Leipziger Schule“, eine kunsthistorisch bemerkenswerte Weiterentwicklung und gesellschaftliche Codierung des historisch-konventionellen Strand- und Meerstückes gelang.

Mehr Informationen zu Mit Tübke am Strand